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Trackinghandbuch der RK 19 Bielefeld-Mitte

5. Eigenschaften eines Trackers

Zur Einstimmung eine wahre Geschichte:

Im Jahre 1902 führten englische Wissenschaftler und Entdecker eine wissenschaftliche Expedition in das Innere Australiens in ein Gebiet durch, welches damals als „Großes Durstland“ bekannt war. Der einzige Grund, daß alle Mitglieder gesund wieder zurück in die Zivilisation kamen, war ein 15 Jahre altes Aborigenee-Mädchen, welches sich der Expedition angeschlossen hatte.

Die Expedition mußte abgebrochen werden, da die Mitglieder fast verdurstet waren und dringend Wasser benötigten. Das Mädchen beobachtete Ameisen, die einen trocknen Baumstamm hinaufliefen und in einem Astloch verschwanden. Ihre Erfahrung sagte ihr, daß hinter dieser Aktivität ein bestimmter Grund stecken mußte. Sie brach einen kleinen Zweig ab und führte ihn vorsichtig tastend in das Astloch ein. Dabei entdeckte sie, daß das Astloch bei einem der möglicherweise vor einem Jahrzehnt niedergegangenen Regenschauer mit Wasser gefüllt war. Aus Baumrinde formte sie kleine Röhrchen und steckte sie in das Astloch. Es war soviel Wasser vorhanden, daß jeder Expeditionsteilnehmer einen kleinen Becher voll trinken konnte.

Ein Eingeborenenmädchen ohne Schulabschluß, aber ausgestattet mit den Kenntnissen, die ein Überleben ihrer Leute im Outback seit Tausenden von Jahren möglich machten, rettete das Leben „moderner?“ Wissenschaftler! Kein Mensch hatte ihnen während ihres Studiums beigebracht, Beobachtungen und Kenntnisse ihres natürlichen Umfeldes zu machen und zu erwerben, von denen ihr Leben abhing!

Noch einmal: Diese Geschichte ist wahr! Wer die Fernsehberichte über das Leben im Outback Australiens im Jahre 2000 aufmerksam verfolgt hat, wird sie bestätigen.

Die Qualitäten eines guten Trackers.

Jeder, der tracken will, wird schnell bemerken, daß er gezwungen ist, Entscheidungen zu treffen, sich ständig weiterzubilden und Erfahrungen zu sammeln. Aber in erster Linie muß er in der Lage sein, ständig zu beobachten, sich in Geduld zu üben und eine an Sturheit grenzende Beharrlichkeit zu entwickeln.

Er muß Verständnis für die Natur haben und sich selbst auf einen hohen Fitnesslevel bringen und halten. Er muß ein gutes Gedächnis haben und imstande sein, alle Teile einer Spur wie ein Puzzle zusammenzusetzen.

Der Job eines Trackers ist es, für sich selbst zu denken und das „Warum“ aller Zeichen für sich selbst zu erfragen. Natürlich wird er auf die Erfahrungen und Kenntnisse anderer zurückgreifen müssen, besonders auf die der Mitglieder seiner Gruppe, aber er darf sich in seinen Überlegungen und Entscheidungen nicht von anderen beeinflussen lassen. Selbstkritisch wird er sich nicht von dem vermeintlich Offensichtlichen zu einer Aussage verleiten lassen.

Um ein wirklich kompetenter Tracker zu werden, mußt du folgende Qualitäten entwickeln:

Tracker werden nicht geboren, sie kommen aus allen Rassen, Nationalitäten und Umgebungen. Ein in ländlicher Umgebung aufgewachsener Tracker wird nicht automatisch ein Spezialist für bebaute Flächen werden.

Ein Tracker arbeitet am effektivsten in seinem natürlichen Umfeld. In einem anderen Umfeld wird er dann erfolgreich arbeiten können, wenn es schafft, sich so schnell wie möglich anzupassen.

Selbsterkenntnis.

Gute Tracker kennen ihre Grenzen, sowohl bei der körperlichen als auch bei der fachlichen Leistungsfähigkeit.

Zum Ersten werden sie nicht weiter tracken, wenn sie müde sind. Sie wissen, daß ein müder Tracker schnell die Spur verlieren wird, sich laut und ungeschickt bewegt und das Zielobjekt aus den Augen verliert oder auf sich aufmerksam macht.

Zum Zweiten kennen sie ihren eigenen Ausbildungsstand und vertrauen darauf. Wenn die Verfolgung einer Spur schwierig wird, wird man oft Zeichen sehen, die in Wirklichkeit gar keine sind. Anfänger werden immer diesem Trugschluß unterliegen. Sei dich dieser Tatsache bewußt und täusche nicht dich und andere, indem du einer imaginären Spur folgst.

Im V-Fall kann das tödlich sein genau so, wie ein trainierter Tracker eine tödliche Waffe ist!

Psychologie des Zielobjektes.

Versuche, dir ein geistiges Bild des Zielobjektes bei Legen der Spur zu machen und versuche, in seine Haut und seine Gedanken zu schlüpfen. Das menschliche Zielobjekt wird sich ggf. wie ein gejagtes Tier verhalten. Unterschätze niemals seine Fähigkeiten. Es wird sich bemühen, lautlos und vorsichtig sein. Es wird all seine Kenntnisse und Fähigkeiten einsetzen, dich zu verwirren. Und denke daran, daß es ängstlich und damit u.U. eine Gefahr für dich ist.

Das Sammeln von Informationen über das Zielobjekt beginnt mit einem transparenten undeutlichen Bild, daß sich zu einen Umriß erweitert. Versuche, diesen Umriß zu einer Person mit Gesicht und Bekleidung zu erweitern und dich in diese Person zu versetzen. Wenn ein Tracker extrem gut in seinem Handwerk ist, kann er die nächsten Aktivitäten des Zielobjektes vorhersehen. Das betrifft nicht nur das militärische und polizeiliche Tracking, sondern in besonderen Maße das der Berg- und Höhlenrettung. Dadurch, daß der Tracker versucht, alle Zeichen und Spuren aus der Sicht des Zielobjektes zu sehen, ist er nur wenige Schritte von einer genauen Vorhersage über das Verhalten des Zielobjektes und seiner nächsten Aktivitäten entfernt.

Diese Kenntnisse über das Zielobjekt helfen dem Tracker, seine Sinne zu verfeinern und Gefahren bei der Annäherung zu minimieren. Unnötig zu sagen, daß man diese Fähigkeiten nicht in einer Kaserne oder einem Lager in Gegenwart der Kameraden und der Zivilisation, sondern nur und ausschließlich im Felde nach langer Zeit erreichen wird.

Die fünf Sinne.

Alle Tracker haben so früh wie möglich in ihrer Ausbildung eine grundlegende Erkenntnis zu machen: daß nichts, aber auch gar nichts ihrer Aufmerksamkeit entgehen darf; jeder Jäger, Naturfreund, Polizist, Rettungsmann, Naturschutzwart oder militärischer Tracker. Und er darf nie in seiner Aufmerksamkeit nachlassen!

Es bedarf einer langen Ausbildung, bevor ein Neuling im Tracken soweit ist, daß er alles in seiner Umgebung wahrnimmt. Die Entwicklung mentaler Prozesse und des Gedächtnis stehen dabei an erster Stelle. Ohne ständiges Training und angewandte Praxis wird es nicht möglich sein, die Zeichen und ihre Bedeutung zu enträtseln.

Zweifellos hat unsere Zivilisation den Trend, die fünf Sinne Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten gnadenlos zu unterdrücken. Die ständige Reizüberflutung, der wir ausgesetzt sind, und die Tatsache, daß wir nicht mehr in lebensbedrohlichen Umfang von ihnen abhängig sind, lassen sie verkümmern. Besonders Stadtbewohner sind davon betroffen. Ihr Gesichtsfeld ist eingeschränkt und die Sichtverhältnisse werden von Kunstlicht beeinflußt, das Gehör wird vom Verkehr betroffen und abgelenkt. der Geruch leidet unter Abgasen. Der Geschmack, abgesehen von den Personen, die beruflich davon profitieren, spielt keine nennenswerte Rolle mehr und das Sehen beschränkt sich auf die Wahrnehmung in der Regel großflächiger Zeichen.


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