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Trackinghandbuch der RK 19 Bielefeld-Mitte

11. Bewegungen bei Nacht

Wegen der großen Unterschiede zwischen allen Tätigkeiten, die bei Nacht oder bei Tag ausgeführt werden müssen, werden wir diesem Thema ein eigenes Kapitel widmen.

Der wichtigste Punkt ist der Wechsel in der Wahrnehmung vom Sehen zum Hören, Riechen und Schmecken. Sogar wenn sich der normale natürliche Geräuschpegel nicht ändert, wird dein Hören präziser werden. Deine Sinne werden sich sozusagen kompensieren.

Diese Kompensation der Sinne soll dir an einem Beispiel gezeigt werden, daß sich während der Kämpfe im Dhofar in Südarabien in den 70er Jahren ereignete. Ein Team des SAS operierte in einem dicht bewachsenen Gelände und der durch den Monsun hervorgerufene Nebel war, besonders in den frühen Morgenstunden so dicht, daß die Sichtweite unter 2 Metern lag. Ein Gruppenführer wurde durch in den frühen Morgenstunden durch den Geruch gekochten Kamelfleisches alarmiert, welches sich die Rebellen gerade zum Frühstück zubereiteten. Unmittelbar nachdem er seine Gruppe in Alarmbereitschaft versetzt hatte, kam es zum Gefecht. Bedenke dabei, daß die Rebellen ausgezeichnete Kenntnisse des Geländes und seiner Eigenheiten hatten und als Einheimische hochmotiviert waren. Ohne die sehr kurze Vorwarnzeit durch das Frühstück der Kameraden von der anderen Feldpostnummer wären die Soldaten der SAS voll ins Messer gelaufen.

Der Geruchssinn ist nicht nur eine Hilfe, dein Zielobjekt zu finden, sondern auch zur Standortbestimmung in bekanntem Gelände. Jeder Misthaufen riecht anders, eine gute Orientierungshilfe bei Nacht. Rauch, entweder vom Feuer oder einer Zigarette, kann auf unglaublich weite Entfernungen gerochen werden, vorausgesetzt, du selbst verzichtest auf das Rauchen.

Nachtsichtfähigkeit.

Du kannst in der Dunkelheit sehen!

Aus eigener Erfahrung weiß jeder, der aus der Helligkeit in die Dunkelheit tritt, daß er für eine kurze Zeit förmlich blind ist. Dein Auge, über dessen Konstruktion und Funktion du einmal nachlesen solltest, braucht einige Zeit, um sich umzustellen. Die volle uneingeschränkte Nachtsichtfähigkeit wirst du erst nach 45 – 50 Minuten erlangen. Allerdings hat die Natur dich so programmiert, den größten Teil schon in den ersten 5 – 10 Minuten zu erlangen, der Rest ist eine graduelle Anpassung an das Maximum.

Das kannst du sehr einfach am eigenen Auge testen. Geh einfach einmal aus der Helligkeit in völlige Dunkelheit. Zunächst bist du blind, aber du wirst einen leichten roten Schimmer in der Dunkelheit bemerken. Nach nur wenigen Sekunden werden die Umrisse größerer Objekte sichtbar und die Einzelheiten dieser Objekte nach wenigen Minuten. Nach 10 Minuten kannst du schon die Gesichtszüge herumstehender Personen und einzelne größere Pflanzen erkennen. Um entfernte Einzelheiten zu erkennen, bewege deine Augen vom Objekt weg und wieder zurück oder schaue auf die Kanten des Objektes. Ein anderes Problem bei der Nachtsichtfähigkeit ist, daß du sie sofort verlierst, wenn Licht in deine Augen fällt, dann beginnt die 45-minütige Wartezeit von vorn. Allerdings kannst du ein paar Dinge dagegen unternehmen. Bemerkst du, daß du von der Seite aus angeleuchtet wirst, schließe die Augen sofort. Willst du aber dieses Licht für eigene Beobachtungen ausnutzen, schließ nur ein Auge oder decke es mit der Hand ab, um dessen Nachtsichtfähigkeit zu erhalten. Allerdings mußt du dir das mit einem leichten Schwindelgefühl für die Dauer einiger Minuten erkaufen.

Werden Taschenlampen mitgeführt, mußt du auf jeden Fall sicherstellen, daß die Träger dieser nützlichen Geräte über die Nachtsichtfähigkeit und ihre Wichtigkeit für das Wohl der Truppe informiert sind. Niemals, unter keinen Umständen, dürfen sie die Tracker anleuchten! Es wird entweder auf die Erde oder in die Luft (denk mal an die Kameraden der anderen Feldpostnummer) geleuchtet, aber nie in das Gesicht. Vermeide nach Möglichkeit den Gebrauch von Taschenlampen – sie erhellen nur die nähere Umgebung, während deine Nachtsichtfähigkeit bis zu Horizont reicht und für Beobachtung und Orientierung unerläßlich ist. Eine nachts mit eingeschalteten Taschenlampen oder Fackeln marschierende Gruppe bewegt sich in einer Lichtblase; alles außerhalb der Blase ist für sie nicht vorhanden, sogar Geräusche und Gerüche werden reduziert wahrgenommen.

Ein Kompromiß ist der Gebrauch von Rot- oder Grünfiltern.

Eine Zusammenfassung.

Orientierung.

Der Verlust der Sicht bedeutet Verlust der Orientierung – die Betroffenen bewegen sich in Spiralen oder langen Bögen, und oft kommt man im dichten Wald oder im Nebel auf die eigene Spur zurück. Um diesen Tendenzen vorzubeugen, ist eine gute Vorbereitung bei nächtlichen Bewegungen Voraussetzung.

In sternklaren Nächten wirst du kaum Schwierigkeiten haben, dich zu orientieren, die Sterne zeigen dir die Himmelsrichtungen.

In den frühen Abend- und ersten Morgenstunden wirst du ein helleres Licht im Westen oder Osten sehen können, das reicht allemal zu einer groben Bestimmung der Himmelsrichtungen.

Sogar in der Dunkelheit kannst du dich an auffallenden Landmarkierungen orientieren. Auch wenn du an ihnen vorbei bist, schau ab und zu mal auf sie zurück.

Ohne Sterne hast du aber Probleme. Der Wind kann dich in dieser Lage unterstützen, vorausgesetzt, er bläst konstant und du hast dir beim Start gemerkt, in welche Richtung er bläst.

In der Nacht, besonders wenn kaum Wind weht, können die Stimme eine Menschen, das Bellen eines Hundes oder das Geräusch eines fahrenden Zuges wesentlich weiter gehört werden als am Tage. Das kann dir bei guter Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten eine wertvolle Hilfe bei der Orientierung sein.

Geräusche werden auch durch den Boden übertragen, wenn du also das Ohr gegen den Boden preßt oder an das Ende eine Hartholzstockes, z. B. eines Bleistiftes, kannst du Schritte schon aus einer Entfernung von 20 – 30 Metern hören. Da es schwierig ist, die genaue Richtung der Geräuschquelle zu ermitteln, halte das andere Ohr zu.

Geräusche.

Denke auch daran, daß die von dir gemachten Geräusche auch von anderen gehört werden können, du mußt daher bei deinen nächtlichen Ausflügen sehr sorgfältig vorgehen. Zunächst einmal wirst du feststellen, daß du bei einer nächtlichen Verfolgung wesentlich mehr Geräusche erzeugst als am Tage, nutze darum die normalen Geräusche der Umgebung zu deinem Nutzen aus, wie den Wind in den Bäumen, oder wenn du dich in bewohnten Gelände befindest, daß Geräusch von Kfz.

Gleichgewicht.

Die Methoden der Bewegungen bei Nacht unterscheiden sich nicht wesentlich von denen bei Tag (siehe auch den Abschnitt: Gangarten bei Nacht weiter unten), du wirst aber sehr schnell herausfinden, daß dir dein Gleichgewichtssinn Streiche spielt. Probier doch einmal folgendes aus: Schließe die Augen und stelle dich auf die Zehenspitzen. Du wirst sofort dein Gleichgewicht verlieren und – normalerweise – nach vorne Kippen.

Schatten.

Während einer nächtlichen Verfolgung können sich Schatten als ebenso große Gefahr für dich herausstellen wie ein tatsächliches Ereignis. Der Tracker wird Schatten immer zur eigenen Deckung benutzen, muß sich aber davor hüten, auf hellen Flächen seinen eigenen Schatten zu werfen. Lies dazu noch einmal im Kapitel 7 nach.

Gangarten bei Nacht.

Die bei Tage üblichen Gangarten sind nachts nicht anwendbar. Die nachts anzuwendenden Gangarten

wird man abhängig von der Entfernung zum Zielobjekt und vom der Geländeform wählen, immer aber geduldig und unsichtbar.

Vortasten.

Nächtliche Bewegungen verlangen nach einem starken Einsatz des Tastsinnes. Taste den Boden vor dir mit den Zehen ab, bevor du den Fuß ganz absetzt. Halte die Hände ausgestreckt vor deinen Körper und bewege sie tastend auf und ab, um Zweige und Äste, Drähte oder eine vor dir stehende Person aus deiner Gruppe rechtzeitig zu entdecken. Eine Alternative dazu ist der Gebrauch eines biegsamen Stockes an Stelle der Hände.

Bild 20: Vortasten.                          Bild 21: Gehen wie eine Katze.

Der Unterschied zum „Kriechen wie eine Katze „ besteht darin, daß du dich auf Händen und Knien aufrecht bewegst. Deine Hände tasten den Boden vor dir nach Geräusche machender Vegetation ab. Bei der Vorwärtsbewegung werden die Knie an der gleichen Stelle wie die Hände abgesetzt.

Schleichen wie eine Katze.

Diese Gangart ist sehr langsam und sehr ermüdend! Der Stalker liegt mit dem Oberkörper flach auf den Boden und tastet mit ausgestreckten Armen den Boden vor sich nach Geräusche verursachender Vegetation ab. Danach erhebt er sich auf Unterarme und Zehen, zieht und drückt sich vorwärts und läßt den Oberkörper langsam auf den Boden gleiten.

Bild 22: Schleichen wie eine Katze.

Zusammenfassung.

Anmerkungen für Ausbilder.

Aus einer nächtlichen Verfolgung kannst du lernen, daß sie ein überaus wichtiger Teil der Ausbildung zum Tracker und Stalker ist und nicht oft genug geübt werden kann.

Jeder Ausbilder, besonders der, der sich in einer Jugendgruppe damit befaßt, darf aber auf keinen Fall die Sicherheit seiner Leute außer Betracht lassen. Es ist geradezu fahrlässig, ohne intensive theoretische und grundlegende praktische Vorbereitung in die praktische Ausbildung einzusteigen.

Allen Menschen ist eine tiefsitzende Furcht vor der Dunkelheit zu eigen (Neandertal läßt grüßen). Einzelheiten unserer Umgebung erscheinen größer als in der Wirklichkeit. Geräusche wirken verstärkt auf uns ein, der Boden erscheint uns uneben, bis wir uns an die spezifischen Bedingungen der Nacht gewöhnt haben. Das ist nicht mit einer wenige Stunden langen Gewöhnungsphase abgetan, das dauert lange, bis wir uns in der Nacht heimisch fühlen. Als Soldat solltest du die Nacht als Wetterbedingung betrachten; denn mit dem Wetter klar zu kommen, hast du ja gelernt.

Haben wir diese Schwelle erst einmal überwunden, bereitet es kaum noch Schwierigkeiten, sich nachts draußen im Gelände genau so sicher zu fühlen und zu verhalten wie am Tage.

Geh nachts zuerst mit einer Gruppe ins Gelände und lerne Geräusche kennen, beobachte die Sterne und den hellen Horizont, unterscheide Schatten und Formen. Lerne die Gerüche in deiner Umgebung kennen und was sie bedeuten. Taste dich durch dunklen Wald und Unterholz und suche nach einzelnen auffälligen Gegenständen. Löse danach die Gruppe in 2-er Teams auf, bevor du ganz allein bist.


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